Stephanus-Kirche

  

Virtueller Kirchenrundgang

 

Geschichte

Unser Ort Kieselbronn wurde erstmals im Jahr 1100 in einer Urkunde des Klosters Sinsheim erwähnt. Die Existenz einer Pfarrei in Kieselbronn kann für das Jahr 1259 belegt werden. Damals schon bestand eine Kapelle, die dem Heiligen Stephanus geweiht war. 1935 wurden deren Fundamente entdeckt. Unsere heutige Stephanuskirche wurde wohl im 14. Jahrhundert - manche vermuten bereits im 13. Jahrhundert - auf dem Platz der Kapelle erbaut. In jedem Fall ist sie damit eine der ältesten Kirchen des Enzkreises. Der Namenspatron Stephanus war Diakon in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem und wurde wegen seines Glaubens hingerichtet. Er gilt als erster Märtyrer der Christenheit. Seine Geschichte ist nachzulesen in der Apostelgeschichte (Kapitel 6 und 7). Eine Darstellung der Steinigung des Stephanus befindet sich im oberen Teil der südlichen Chorwand. 

Die Kirche besteht aus Langhaus und einem Chorturm im Osten mit achtseitigem Turmhelm. An den Chorturm ist nordseits eine Sakristei angebaut. Das Kirchengrundstück ist durch eine breite Mauer begrenzt, die an der Nord- und Ostseite zweizügig verläuft. Dadurch ist ihr Charakter als Wehrkirche unverkennbar. 

Der ursprüngliche Bau blieb zwar in seiner wesentlichen Form erhalten, jedoch veränderten Bauarbeiten im Laufe der Jahrhunderte sein Gesicht. Um 1600 wurden in der Südseite zwei dreiteilige Fenster im Rennaissance-Stil eingebrochen, sowie ein schmales Fenster an der Ostseite des Chores, das heute einen Abendmahlskelch zeigt, der vom Kieselbronner Glaskünstler Rudolf Wank gestaltet wurde. 

Gravierender waren die Umbauarbeiten im 18. Jahrhundert: 1744/45 wurde der sogenannte "Gaden" - ein Holzgeschoss über dem Kirchenschiff - abgebaut. Die Kammern des Gaden dienten im Verteidigungsfall als Vorratsräume für Lebensmittel oder zum Unterbringen der Familienhabseligkeiten. Die Wände wurden erhöht und mit zwei hohen Fenstern mit halbrundem Sturz versehen, sowie eine Empore mit zwei Holztreppen eingebaut. Noch heute springt die Langhausmauer dort, wo sich der "Gaden" befand, ca. 0,50 m zurück. Im Jahr 1764 wurden die alte Fachwerkglockenstube durch die heutige aus Stein ersetzt und in der Kirchennordwand zwei Portale eingebrochen. Im Kircheninnern brach man den vorhandenen "Triumphbogen" zwischen Chorraum und Langhaus heraus mitsamt dem wahrscheinlich gotischen Netzgewölbe im Chorraum und errichtete dort eine Orgel-empore. Die Reste der kastenartigen Eckkonsolen des früheren Chorgewölbes sind noch deutlich zu erkennen. Außerdem versetzte man die Kanzel an die Ecke von Chor und Langhaus und brach weitere Fenster ein, die ovalen "Ochsenaugen" und das große Fenster bei der Kanzel. Dazu kam schließlich die Erneuerung der Turmuhr, wodurch die Renovierungskosten eine Höhe von 2500 Gulden erreichten. Damit verschuldete sich die ohnehin nicht in üppigen Verhältnissen lebende Kirchengemeinde stark. 

Weitere Instandsetzungen folgten im 19. Jahrhundert. Sie waren jedoch weniger einschneidend für die Gestalt des Kirchenraumes als die Totalrenovierung in den Jahren 1961-63. Die Orgelempore im Turm wurde abgebrochen. Die Empore im Langhaus wurde vergrößert und verstärkt. Der Zugang wurde durch das Anfügen eines Treppenturmes mit Spindeltreppe an die Westmauer der Kirche ermöglicht. Dadurch konnte auf die Holztreppen im Kircheninnern verzichtet werden. An der Kirchendecke wurden die Balken freigelegt, die Böden wurden mit Mainsandstein belegt. Die Kanzel und der hölzerne Altar wurden abgebaut und durch eine neue Kanzel bzw. einen Steinaltar ersetzt. Ebenso wurde der Taufstein in Sandstein neu gefertigt. Neue Kirchenbänke im Kirchenschiff und auf der Empore wurden aufgestellt und die Emporenbrüstung sowie Kanzelbrüstung neu gestaltet. Bei der Renovierung der Innenwände traten bedeutende Wandmalereien aus dem 14. bis 15. Jahrhundert zu Tage. Sie wurden freigelegt und restauriert. Außerhalb wurde die Turmspitze erneuert, das Dach auf Turm und Langhaus neu gedeckt, die Kirche neu verputzt und gestrichen. Die Außentreppe an der Nordseite sowie sämtliche Türen wurden nach alten Modellen neu angefertigt. Auch das Vordach über dem südlichen Hauptportal wurde durch Glaswände zu einem Windfang umgestaltet. 

Vesperbild PietaBei Arbeiten an der Sakristei entdeckte man unter ihr einen gewölbten Keller, angefüllt mit Totengebein. Es handelte sich um eine Gebeinkammer, die früher durch eine Treppe unter dem heutigen Eingang zur Sakristei zugänglich war. Der Gottesacker lag rund um die Kirche. Mußte ein Grab ausgeräumt werden, weil Platzbedarf herrschte, wurden die Gebeine in die Gebeinkammer gelegt. Als der Gottesacker um die Kirche im Jahr 1814 geschlossen und durch den Friedhof an der Enzberger Strasse ersetzt wurde, verschloss man die Kammer und sie geriet in Vergessenheit. 

Beim Ausräumen der Gebeinkammer fand man die Bruchstücke eines spätgotischen Vesperbildes, einer figürlichen Darstellung Mariens mit dem toten Christus aus der Zeit um 1500. Diese Vesperbilder hatten ihren Ursprung weniger im liturgischen Gebrauch als in der persönlichen Frömmigkeit. Mit ihrer Betrachtung erinnerte man sich an die Kreuzabnahme Jesu zur abendlichen Vesperzeit, mit der sein heilbringendes Leiden vollendet wurde. Die Figur ist in einer Nische der Chorraumwand hinter einem geschmiedeten Gitter zu besichtigen. 

Ein weiteres Zeugnis aus der Vergangenheit stellt eine Grabplatte aus rotem Sandstein dar, die ursprünglich ein Grab auf dem Boden vor dem Altar bedeckte und bei der letzten Renovierung in der Nordwand des Chorraumes eingelassen wurde. Pfarrer Wilhelm Riehm schreibt in seiner Ortsgeschichte: "Der Stein zeigt in eingehauenen Linien das lebensgroße Bild eines anscheinend noch jugendlichen Priesters vollen bartlosen Angesichtes, das langlockige Haar in der Mitte gescheitelt, in langwallendem Talar ohne Beffchen, mit beiden Händen einen großen Kelch haltend...". Die Umschrift am Rande liest Riehm in voller Länge wie folgt: "+ Anno Domini MCCCLXXXIII obiit Johannes Rector Ecclesiae in Küsselbrunn in festo Matthei in sexto Kalendas Marci." Auf deutsch: "Im Jahr 1383 verstarb Johannes, Rektor (Leiter) der Kirche zu Kieselbronn am Matthiastage, 24. Februar." Näheres wissen wir nicht über diesen jungen Priester. 

Seit 1965 hängt im Chorraum der Kirche ein Kreuz, das von Professor Fritz Theilmann entworfen und vom Kieselbronner Schmiedemeister K. Held gefertigt wurde. Der geschmiedete Rahmen ist mit Emaileffekt blau getönt. Er fasst rote Glasbrocken in der Kreuzmitte, dann weißgraue und tiefblaue an den Kreuzenden.