Glocken
Am 3. März 1951 setzte sich von der Kieselbronner "Autohalle" aus ein beeindruckender Festzug in Gang. Pferde zogen einen Wagen, auf dem drei Glocken standen, verziert mit Kränzen, Schleifen und Blumen. Junge Mädchen in weißen Kleidern begleiteten den Glockenwagen. Im Zug auch eine Kinderschar mit ihrer Kinderschwester, der Gesangverein und die Kapelle der Kieselbronner Feuerwehr. Ziel war die Kirche, in deren Turm die Glocken Platz finden sollten. Zum ersten Mal erklangen damals unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Kieselbronner Glocken, die heute noch täglich zu hören sind.
Immer wieder waren es Kriegszwecke, denen die Glocken zum Opfer fielen. Zum ersten Mal erwähnt wurde ein Glockenraub im Jahr 1692. Die Glocken wurden im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) von französischen Soldaten aus dem Kirchturm entfernt. Ein Notglöcklein diente seit 1693 den liturgischen Belangen wie gottesdienstliches Läuten oder "Betglocke" am Abend, sowie der "Zeitansage", die damals für die ländlich geprägte Bevölkerung eine große Bedeutung hatte.
Schon 1722 war die Kirchengemeinde in der Lage, die Notglocke von 1693 durch zwei neue Glocken aus einer Gießerei in Frankfurt am Main zu ergänzen. Deren Qualität war wohl nicht die Beste. So wurde schon 1799 zum Jahrhundertbeschluss die kleinere der beiden Glocken von 1722 durch eine neue ersetzt. Die größere Glocke und die Notglocke durften ihren Dienst tun bis 1836. Dann wurden auch sie durch den Glocken-Meister Ignaz Reinburg in Rastatt umgegossen.
Während des ersten Weltkriegs, im Jahr 1917 nämlich, wurden zwei Glocken der Kriegsmaschinerie geopfert. Eine Glocke blieb der Gemeinde, bis der Dreiklang im Jahr 1922 durch zwei neue Glocken wieder hergestellt wurde. Diese Glocken wurden von der Firma Bachert in Karlsruhe gegossen. Auch der zweite Weltkrieg erforderte im Jahr 1942 sein "Glockenopfer". Viele Aktionen wurden nach Kriegsende gestartet, um dem "Glockenmangel" abzuhelfen - sie fehlten einfach, die Glocken. "Glockenbasare" fanden statt und weitere Veranstaltungen, sowie Sammlungen für die Glocken. Im Jahr 1951 war es dann so weit: Die drei neuen Glocken aus der Glockengießerei Junker in Brilon/Westfalen wurden im Kirchturm aufgehängt. Die Glocken aus Briloner Sonderbronze gehen in ihrer Bedeutung weit über das "Funktionale" hinaus. Glocken sind ein Symbol. Sie stehen hier für die Überwindung des Krieges, für den hoffnungsvollen Neuanfang nach dem Krieg und für eine Gemeinschaftsleistung der Kieselbronner Bevölkerung. Die Glockenklänge wecken Sehnsucht, sie sind Heimatklänge.
Glocken sind mehr als tönendes Erz. "Oft erfahre ich ... das Faszinierende und zugleich Erschaudernde von Glockenklängen, wenn ich von einem Berg auf ein Dorf hinabschauend, den Klang von Glocken weit über das Land hin vernehme. Das sind Momente heiligen Schauers, die mich staunen und innehalten lassen. Glocken als Künderinnen des "Heiligen", das unserem Leben Tiefe gibt.
Oft haben mir alte Menschen erzählt, wie wichtig ihnen Glocken geworden sind. Früh am Morgen läuten sie ihnen den Tag ein, rufen sie gegen Mittag von der Feldarbeit heim, laden schließlich zur Abendruhe ein. Sie verkünden ihnen, wenn ein Mensch zur letzen Ruhe geleitet wird oder wenn zwei Menschen den Bund fürs Leben schließen. So geben seit alters her die Glocken dem Rhythmus des Lebens einen Klang. Glocken als Hilfen, den Pulsschlag des Lebens zu entdecken." (Dr. Ulrich Fischer, Evangelischer Landesbischof in Baden)
Die Kieselbronner Glocken tragen ein Bibelwort als Motto.Die große Glocke unserer Kieselbronner Stephanuskirche wiegt 902 kg und erklingt in f. Sie trägt als Bibelspruch die einladenden und ermahnenden Worte des Propheten "O Land, Land, Land höre des Herrn Wort." (Jeremia 22,29).
Die mittlere Glocke wiegt 539 kg und erklingt in as. Sie tragen Worte aus dem Gesang der Engel aus der Weihnachtsgeschichte: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden." (Lukas 2,14). Sie erklingt bei Taufen und bei jedem Vaterunser-Gebet.
Die kleine Glocke wiegt 388 kg und erklingt in b. Auf ihr steht die Jahreslosung des Jahres 1951, das Versprechen Jesu an seine Nachfolger: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matthäus 28,20).
Die Läuteordnung Kieselbronns kennt bis heute ein politisches Läuten und ein liturgisches Läuten. Neben der Anzeige der Zeit, einem Doppelschlag je viertel Stunde- man spricht hier vom Glockenschlagen, nicht vom Läuten - und dem Ausschlagen der Uhrzeit bei der vollen Stunde, gehören zum politischen Läuten das 6.00 Uhr, 11.00 Uhr und 16.00 Uhr-Läuten. Zum liturgischen Läuten gehört das Läuten zum Gottesdienst, eine Stunde und eine halbe Stunde vor und unmittelbar zum Beginn des Gottesdienstes. Weiter gehören dazu das Läuten beim Vaterunser, bei Einsegnungen (Taufe, Konfirmation, Trauung) und vor Beerdigungen. Große Bedeutung hat bis heute für viele Christen die "Betglocke" am Abend, die einlädt zum Gebet, sowie das "Einläuten des Sonntags" am Samstagabend.

