Geschichten
| VEREIN IN DER ZIGARRENKISTE (CVJM KIESELBRONN) |
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| Eine unscheinbare Zigarrenkiste der Firma "Deli Havana" in der hinteren Ecke eines alten Schrankes auf dem Pfarrhausspeicher gibt uns Zeugnis für die Existenz eines Jungmännervereins in Kieselbronn. Auf den Kistendeckel ist ein inzwischen vergilbtes Blatt geklebt mit der Aufschrift "Kasse für Christl. Verein j. Männer, gegründet 16. Juli 1924". Die Gründung dieses Vereins fällt in die Dienstzeit von Pfarrer Adolf Nieden. Neben Blanko-Mitgliedskarten für den "Jünglings- und Männerverein Kieselbronn" – so die offizielle Bezeichnung – finden wir das Siegel des Vereins, das neben Namenszug eine Friedenstaube mit Ölzweig als Logo enthält. Weiter finden wir gedruckte Vereinssatzungen – leider ohne Jahr, die als Mustersatzung für evangelische Jünglings- und Männervereine diente. Mit dieser Satzung schloss man sich dem Oberrheinischen Jünglingsbund e.V. als Dachverband an. Zweck des Vereins war es, "jungen Leuten aus allen Ständen eine Gemeinschaft zu bieten, die sich auf Gottes Wort gründet, christliche Gesinnung pflegt und zu gottesfürchtigem Wandel erzieht." Darüber hinaus aber wollte man auch "christliche Geselligkeit und Freundschaft pflegen, zur Erwerbung nützlicher Kenntnisse die Hand bieten und kranken oder Not leidenden Mitgliedern durch Gabe und Pflege dienen." Der Monatsbeitrag von anfänglich 10 Pf, in den dreißiger Jahren 15 Pf, diente auch zur Anschaffung von Spielgeräten und Sportartikeln. Dies bezeugen Kassenbelege vom Spielwarenhaus Gerwig und eine Rechnung in Höhe von 14,55 DM vom Sporthaus Schrey über einen Ball mit Pumpe aus dem Jahr 1929. Weiter finden wir in der Kiste einige weitere Kassenbelege, eine Blechbüchse mit 49 Reichspfennig als Kassenrest, 6 Bausteine über je 1qm Boden für das neu zu erbauende Landheim des Badischen Jungmännerbundes auf dem Dobel im Wert von jeweils 50 Pf, ein vertrocknetes Stempelkissen, ein Stempel mit der Zahl 15 zum Eintrag des bezahlten Monatsbeitrags in Mitglieds- bzw. Beitragslisten und zwei solcher Listen – eine von 1933 und eine nur wenig ältere. Über die erfahren wir die Namen der Mitglieder aus dieser Zeit. Dies waren neben dem damaligen Pfarrer Gustav Neef und dessen Sohn Gerhard: Oskar Bossert, Adolf Spittelmeister, Reinhard Theilmann, Erwin Wenz, Werner Augenstein, Emil Engel, Heinrich Gegenheimer, Eugen Gräßle und Erich Engelsberger. Schon Ende des Jahres 1933 wurden alle Jugendverbände per Reichsgesetz aufgelöst und jegliche Jugendarbeit an unter 18jährigen vom damaligen Staat den Untergliederungen der "Hitlerjugend" übertragen. Der Verein bestand nach Aussagen von Nachkommen der Mitglieder wohl auch noch in der Nachkriegszeit, jedoch kam die Vereinstätigkeit in Kieselbronn zum Erliegen, während in anderen Gemeinden die Arbeit des CVJM neu belebt wurde. Eine Zigarrenkiste der Firma "Deli Havana" birgt die Überbleibsel eines Vereins. Und vielleicht stehen die weiteren Worte des Kistenaufdrucks nicht nur für den ursprünglichen Inhalt, sondern auch für das, was uns der heutige erzählt. Sie lauten: "unsortiert - nur Qualität".
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| EIN LÄUTEBUB ERZÄHLT |
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| Wenn ich manchmal am Sonntagmorgen in unserer schönen Dorfkirche sitze und die Glocken den Gottesdienst einläuten, schweifen meine Gedanken zurück in eine Zeit nach dem Kriege, als ich noch ein Läutebub war. Zusammen mit meinen beiden Freunden Werner Schlegel aus dem Zwingerhof und Friedrich Theilmann aus der Weiherstraße waren wir die drei Läutebuben, die unter der Regie der amtierenden Kirchendienerin Frieda Ziegler, die im ,,Lieben Eck" wohnte und unsere Nachbarin war, diesen Dienst versahen. Damals war die Muskelkraft gefragt, um unsere einzige, vom Krieg übriggebliebene Glocke zu allen kirchlichen Anlässen zu bewegen. Wir drei, damals etwa zwölf bis dreizehn Jahre alt, waren berufen, bei allen kirchlichen Anlässen, seien es Gottesdienste, Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen, Christenlehre usw., genau nach den Anweisungen der Mesnerin die Glocke im richtigen Takt zu läuten. Das Zugseil befand sich neben der Orgel, die damals noch im Turm thronte, auf der Höhe der heutigen Empore. Auf der Orgel agierte damals noch öfters Oberlehrer a.D. Kaucher, der zwar schon im Ruhestand, aber trotzdem wachen Auges auf seine einstmaligen Schüler achtete, damit die Würde des Gottesdienstes aufrecht erhalten wurde. Richtig "benemme", auch wenn geschnarcht wird Ja, die Würde und der Ernst der kirchlichen Atmosphäre machten uns Jungen manchmal zu schaffen. Zu sitzen hatten wir auf einer Bank vor der Orgel und damit im Blickfeld aller Kirchenbesucher. Links neben uns, auf der Mesnerinnenbank, eifrig die Kirchenbesucher zählend, Frieda Ziegler, die Mesnerin, hinter uns auf der Orgelbank Oberlehrer Kaucher, und gegenüber auf der Empore in der Kirchengemeinderatsbank mein eigener Vater, alle bedacht, dass die Läutebuben sich auch richtig "benemme". Nun, das war manchmal schon etwas schwer. Damals saßen, fast streng getrennt, die Frauen und Mädchen unten, die Männer oben auf der Empore, überwiegend noch im feierlichen schwarzen Anzug, bei Beerdigungen und an Festtagen auch noch mit Zylinder. Ein ehrfurchtgebietender Anblick für uns drei. Nun, damals hatten wir noch viele Landwirte, haupt- und nebenberufliche, die natürlich eine Woche schwerer körperlicher Arbeit hinter sich hatten, wenn sie am Sonntag im Gottesdienst saßen. Zu dieser Zeit beschäftigte man sich noch nicht mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass der Mensch eigentlich nur kurze Zeit konzentriert zuhören kann. Wenn heute eine Predigt fünfzehn oder vielleicht zwanzig Minuten dauert, so war es damals bei teilweise stimmgewaltigen Predigern Sitte, bis zu einer dreiviertel oder einer Stunde zu predigen. Unser schmuckes Kirchlein war zu dieser Zeit im Sommer schön sonnenbeheizt und im Winter gut ofengeheizt. Manchen tüchtigen Bauern übermannte dann nach arbeitsreicher Woche, trotz stimmgewaltiger Predigt, der Schlaf. Wenn dann ein zaghaftes bis kräftiges Schnarchen dazukam, versuchte oft der Nachbar durch vorsichtiges Schubsen und kleine Rückenstöße einzugreifen und die Situation zu entschärfen. Dies half oft nur kurz, und anschließend waren manchmal noch kräftigere Töne zu hören. Solch kleine Ablenkungen entgingen natürlich den Läutebuben nicht, und es war schwer oder gar unmöglich, ein kleines Lachen zu unterdrücken. Dies wiederum durfte natürlich nicht sein, und oft half nur ein Abtauchen hinter die Brüstung der Empore. Mutprobe beim Abendmahl Bei den damals noch strengen Sitten durften die Läutebuben nicht beim Abendmahl zusehen, sie waren ja noch nicht konfirmiert. Treu und brav hatten sie oben vor der Orgel auf ihrer Bank auszuharren. Von der Empore führte eine schmale, etwas verschwiegene Treppe hinunter in den Altarraum. Es war eine kleine Mutprobe, ohne daß der Organist oder die Mesnerin es merkte, die Treppe hinunterzuhuschen und durch kleine Astlöcher in der Holzverkleidung die Neugierde darüber, was da unten geschah, zu befriedigen. Begräbnis-Läuten Auch andere Dinge, zwar mit ernstem Anlass, aber im Alltag der Läutebuben noch nicht in vollem Ernst erfasst, sind mir in Erinnerung. Bei Beerdigungen formierte sich der Leichenzug vom Haus aus durchs Dorf. Wir Läutebuben mussten dann läuten, wenn der Zug vom Haus abging, bis er auf dem Friedhof war. Unsere Kirchendienerin ging am Schluss des Zuges bis zum Haus Lipps an der Walterstraße. Wenn sie dann von dort zurück in die Kirche ging und das Läuten sofort stoppte, war der Leichenzug auf dem Friedhof genau am Grab. Das klappte ohne Stoppuhr. Natürlich waren die Läutebuben eine Zeitlang allein in der Kirche und oft juckte das Fell, doch einmal die Glocke von einem höheren Stockwerk, also oben im Turm, zu läuten. Das war spannend. Aber wenn Frau Ziegler zurück in die Kirche kam, genügte kein Zuruf, um das Läuten sofort zu stoppen. Erst musste sie die Turmtreppe erklimmen. Auf dem Friedhof aber wunderte man sich, warum die Regie des Läutens aus dem Takt war. Gut kieselbronnerisch wurde dann ein wenig geschimpft, aber anschließend wurden wir wieder von ihr liebevoll zur Arbeit gerufen. Wenn der Strom ausfiel, gehörte ab und zu auch das Treten des Blasebalgs der Orgel zu unseren Aufgaben. Das musste natürlich in einem genauen Takt passieren, sonst schwollen die Töne der Orgel einmal an, um anschließend wieder jammervoll abzufallen. Nerven brauchte hier die Organistin und auch der Organist. Aber in dem engen Orgelgehäuse ging es bei uns nicht immer ernst zu. Der Weg in das Feuer der Hölle Da ich auf der Nachbarschaft der Kirchendienerin wohnte, durfte ich auch manchmal schon samstags mit in die Kirche, um den Ofen anzuheizen. Diese Ofenheizung bestand in einem großen Ofen, der unter einem großen Gitterrost im Mittelgang der Kirche in den Boden eingelassen war. Auf einer Eisenleiter musste man nach unten steigen, um ihn zu heizen. Man bedenke, alles Holz und der notwendige Koks mussten über die Leiter nach unten gebracht werden. Um die Kirche am Sonntag warm zu haben, musste spät abends am Samstag nochmals nachgelegt werden. Unsere Mesnerin war immer froh, wenn sie dazu Hilfe bekam. Für mich selbst war diese späte Nachtarbeit immer mit ein wenig Schauder auf dem Rücken verbunden, wenn wir in der dunklen Kirche nur mit der Taschenlampe leuchteten und hinabstiegen in das dunkle, von wenig Feuerschein aus dem Ofen erhellte Verlies. Wenn im Gottesdienst oder im Religionsunterricht die Rede von der Hölle war, fiel mir immer wieder der Abstieg in den Heizungsraum ein. So stellte ich mir den Weg in das Feuer der Hölle vor. Ein wenig schummrig in der Nacht war unser Kirchlein schon, und einmal nur mit der Taschenlampe bei einem abendlichen Gottesdienst, z.B. in der Weihnachtszeit, auf den Dachboden oder bis auf den Turm zu schleichen, galt als echte Mutprobe. Ein Stück Verantwortung Heute, wo alles mechanisch geht, teilweise computergesteuert - sei es das Läuten, die Heizung oder auch die Uhr - ist diese Erinnerung für mich und sicherlich auch für meine Freunde ein Stück glücklicher Jugendzeit. Es war uns ein Stück- wenn auch nur ganz klein - Verantwortung übertragen, die wir ernst nahmen. Auch der jugendliche Leichtsinn und die jugendliche Unbekümmertheit brachen durch, aber das war die Würze dabei. Nicht vergessen werde ich bei dieser Erinnerung, dass dies mein erstes selbstverdientes Geld, mein Läutegeld, war. Es waren 20 Pfennig pro Gottesdienst, Hochzeit oder Beerdigung, das war damals schon etwas. |

